Chronik rechter Aktivitäten

Rechte Aktivitäten melden

Newsletter abonnieren

Spende für die K²-Kulturkiste

Bildungsfahrt 2018Polen, Italien, Griechenland, Spanien, Belgien, Luxemburg, Niederlande, Frankreich, Slowenien, ... und jetzt auch Dänemark. Die diesjährige Bildungsfahrt führte uns also in den Norden. Und dort ist ein Zwischenstopp in Heideruh natürlich selbstverständlich. Nach einer etwas verstauten Fahrt kamen wir am Abend in der Antifaschistischen Erholungsstätte an und wurden herzlich begrüßt. Der Ort wurde 1926 von Hamburger Antifaschist*innen gegründet, die damit die Tradition beibehielten, am Wochenende zur Erholung in Wochenendhäuser der Lüneburger Heide zu fahren. Die Antifaschist*innen planten in Heideruh damals ihre Widerstands-Aktionen für Hamburg. Nach 1945 wurde Heideruh als Wohn- und Erholungsstätte für Widerstandskämpfer*innen, die die Grauen der Konzentrationslager überlebt haben, in Selbstorganisation wiedergegründet. Hier in Heideruh liegt auch das Motorboot "Charlotte". Auf ihr sollen Antifaschist*innen bei einer illegalen Tagung am 7. Februar 1933 vor den Nazis gerettet wurden sein. An dieser Tagung nahm auch Siegfried Rädel aus Pirna teil. Er war während der Novemberrevolution Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates in Pirna. 1919 wählten ihn seine Kollegen zum Betriebsratsvorsitzenden im Kunstseidewerk in Pirna, wenig später wurde er Mitglied der KPD.

1. Tag - Von hier aus begleiteten uns unsere Gastgeber*innen zu einem Ausflug nach Hamburg. Nach dem wir die Stolpersteine vorm Hamburger Rathaus putzten, solidarisierten wir uns auf einer Kundgebung mit Jugend rettet! und so mit der Aktion Seenotrettung. Im Anschluss daran besuchten wir den ehemaligen Gestapo-Knast. Der Hamburger Senat verkaufte das Gebäude, in dem sich der Sitz der Gestapo befand, an einen Privatinvestor. Der Investor musste sich aber verpflichten, eine "Dokumentationsstätte für das Gedenken an die Opfer der Polizeigewalt" zu errichten. Diese befindet sich nun als Ausstellung im hinteren Bereich der Buchhandlung "LESESAAL". Seit vielen Monaten acht sich dagegen eine Initiative stark. Sie fordert unter anderem: "Die Gedenkstätte muss im öffentlichen Raum deutlich durch eine künstlerische Installation o. ä. erkennbar sein. • Thematisch muss die Gedenkstätte die gesamte Bandbreite polizeilicher Verfolgung vom Kaiserreich bis zur Nachkriegszeit umfassen. Außerdem muss sie eine Gesamtschau des Widerstandes im Nazi-Deutschland präsentieren. • Es muss genug Raum für Veranstaltungen mit entsprechender Veranstaltungstechnik vorhanden sein."

2. Tag - Einen schönen Geburtstagstag verbrachten wir in der Nordheide, bei einer Wanderung auf den Brunsberg. Der Sage nach, ist die 129 m hohe Erhebung, nach Bruns benannt - einem jungen Schafhirten, der aus Langeweile Aufhängen "spielte". Die Nachmittagstour wurde dann auf dem Pferdewagen zurückgelegt und mit einer wunderbaren Buchweizentorte abgerundet. Am Ende des Tages erzählte uns Bea Trampenau "Heideruh-Geschichte(n)". Sie ist Geschäftsführerin und Tochter des Widerstandskämpfers Richard Trampenau. Er wurde 1933 verhaftet und zum Tode verurteilt wurde, bis 1945 war er im Zuchthaus Celle inhaftiert. Am 31. Januar war es in Wilhelmsburg zu einer Schießerei mit profaschistischen Stahlhelmern gekommen; vier Stahlhelmer wurden getroffen. Einer der Stahlhelmer hatte bei der Polizei behauptet, dass der Kommunist Trampenau der Schütze gewesen sei." heißt es in einem Artikel der VVN-BdA Hamburg.

3. Tag  - Auf unserer weiteren 400 km langen Fahrt unternahmen wir einen kurzen Besuch im ehemaligen Internierungslager Frøslev, bevor wir weiter nach Ringkøbing fuhren. Die dänische Regierung hatte Neutralität erklärt und im Frühjahr 1939 einen Nicht-Angriffsvertrag mit Deutschland geschlossen. Im April 1940 besetzte die Wehrmacht Dänemark - die Verwaltungsstrukturen blieben dabei allerdings unbesetzt. Erst am 29. August 1943 trat die dänische Regierung zurück und stellte die Kooperation mit Nazi-Deutschland ein. Damit erfuhr die Widerstandsbewegung deutlichen Zulauf und verstärkte ihre Aktionen. Das Lager Frøslev war daher vorrangig für politische Gefangene errichtet. Es wurde von einer dänischen Firma gebaut und am 13. August 1944 in Betrieb genommen, die Aufsicht lag bei Gestapo und SS. Am 13. August kamen die ersten Gefangenen in das Lager, insgesamt waren es in den kommenden neun Monaten rund 12.000 Gefangene, obwohl es für rund 1500 Häftlinge geplant wurde. Viele von ihnen wurden in deutsche Konzentrationslager deportiert. Eine große Tafel in der Gedenkstätte Frøslev enthält heute die Namen von 220 Ermordeten.

4. Tag  - Am Morgen besuchten wir das Museum in Ringkøbing, welches Informationen zu den Bunkeranlagen von  Søndervig bietet. Genau dort hin begaben wir uns im Anschluss. Die Kryle-Ringelnatter-Stellung liegt nördlich von Søndervig und wurde 1943-1944 als teil des Atlantik-Walls errichtet. Die gesamte Anlage bestand aus 50 Bunkern und etwa 50 weiteren Betonanlagen. In einigen der Bunker konnten wir uns noch umschauen. Der Atlantik-Wall reichte weit über 2500 Kilometer als Verteidigungslinie entlang der Küsten von Norwegen bis Frankreich. Es wurden 17,3 Millionen Tonnen Beton und 1,2 Millionen Tonnen Stahl für 12000 Bunkeranlagen und Geschützstände verbaut. Der Wehrmachtssoldat Gerhard Saalfeld war in den von uns besuchten Bunkern stationiert. In seinem 2014 erschienenen Buch beschreibt er den Tag der Befreiung vom Faschismus so: "Am Morgen hörten wir vom Unteroffizier das bisher nicht auszusprechende Wort "Kapitulation". Was die finstere Nacht vorausahnen ließ, war nun Tatsache geworden. Das für uns Unvorstellbare war eingetreten. Für meine jungen Kameraden und mich brach eine Welt zusammen. Eine nicht fassbare Leere hatte von uns Besitz genommen." Gehorsam und Treue zum Nationalsozialismus bis zum Ende - zu einem Zeitpunkt, an dem niemanden die deutschen Verbrechen verborgen geblieben sein konnten.

Am Nachmittag gab es dann im Museum von Vedersø Einblicke in den Widerstandskampf des Pfarrers Kaj Munk. Er wirkte dort von 1924 bis 1944, mit seiner Frau Lise. In seinen Predigten aus den Jahren 1941 und 1942 finden sich unmissverständliche Aufrufe zum Widerstand, weshalb er am 4. Januar 1944 verhaftet wurde. Er wurde ermordet und im fast 100 Kilometer entfernten Silkeborg aufgefunden.

5. Tag  - Bei guten Wetter unternahmen wir eine Fahrt in den Osten des Fjord von Ringkøbing. Dabei besuchten wir die Bunkeranlage von Hvide Sande und dem Gräberfeld von Haurvig. Dort sind alliierte Flieger beerdigt, die im Laufe der deutschen Besetzung von der Wehrmacht abgeschossen wurden. Zu ihnen gehört W. Scott, Mechaniker. Am 10. März 1943 starb er im Alter von 20 Jahren. Auf seinem Grab steht, wie auf den anderen: Ein weit entferntes Grab, ist eine schmerzhafte Sache, weil liebevolle Hände keine Blumen bringen können.

6. Tag  - Eine weitere Fahrt führte uns in den Westen des Fjord von Ringkøbing. Dort besichtigten wir unter anderem das Grabfeld unweit des Hemmet Strandes. Dort auf der Wiese in Houm, stürzte am 1. Dezember 1943 ein alliiertes Flugzeug ab. Nach mehreren Angriffen durch Flakgeschütze und Jagdflieger, stürzte die Stirling-Maschine ab - die siebenköpfige Besetzung starb. Zu ihnen gehörte auch der nur 21 Jahre junge Funker John Herbert Flach. Mehrere Anwohner*innen sahen den Absturz. Einer von ihnen war Damgaard Hansen: "Die Deutschen sammelten nur die Reste der toten Körper auf, die oben auf der Erde lagen. (...) Die Deutschen wollten es nicht, dass man ihnen Ehre und Mitleid erwies. Aber das gefiel meiner Frau und mir nicht - und wir bestimmten - obwohl hier Deutsche waren die unser Land besetzten - dass diese tapferen Soldaten Weihnachten über nicht umbegraben liegen sollten. (...) Wir machten ein Holzkreuz, so gut wie wir es konnten, malten oben einen goldenen Stern - Datum und Jahreszahl drauf. Und auf dem oberen Stück schnitzten wir die Worte: "God Bless You".

7. Tag  - Bei eher schlechtem Wetter fuhren wir zurück nach Heideruh. Auf der Tour schauten wir uns die Gedenkorte des ehemaligen Konzentrationslagers Ladelund an. Vom 1. November bis 16. Dezember 1944 bestand in der Gemeinde Ladelund ein Konzentrationslager. Die rund 2000 Häftlinge mussten Panzerabwehrgräben ausheben, welche die alliierten Truppen von Norden aufhalten sollten. "Niemand im Dorf konnte die Qualen der zur Arbeit getriebenen, hungernden Menschen übersehen. Innerhalb von sechs Wochen starben hier 300 Häftlinge. Sie wurden auf dem Dorffriedhof bestattet." heißt es auf der Homepage der Gedenkstätte. Ladelund gilt als Gemeinde, die die „ersehnte nationale Wende“ im Januar 1933 „freudig begrüßt“ hatte – so die Ladelunder Kirchenchronik 1933. Bereits bei den Reichstagswahlen im November 1932 hatten 84,6 % der Wähler*innen für die NSDAP gestimmt. Die meisten Häftlinge des KZ Ladekund kamen aus den Niederlanden. Andere Inhaftierte waren aus Polen, der Sowjetunion, Italien, Frankreich oder Griechenland. Ladelund war Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme, wohin auch nach Auflösung des Lagers die Häftlinge gebracht wurden. Erst 1971 sollte gegen den Lagerkommandanten SS-Untersturmführer Hans Hermann Griem der Prozess geführt werden, kurz vor Beginn des Prozesses verstarb er.

8. Tag  - Die letzte Fahrt unternahmen wir dann in die Gedenkstätte Neuengamme mit Rundgang über das Gelände und Besuch der Ausstellungen. Auf dem rund 4 km langen Weg durch das ehemalige Konzentrationslager konnten wir dabei noch nicht alles sehen. "Insgesamt wurden im KZ Neuengamme über 80.000 Männer und mehr als 13.000 Frauen mit einer Häftlingsnummer registriert; weitere 5.900 Menschen wurden in den Lagerbüchern gar nicht oder gesondert erfasst. Durch die bewusst herbeigeführten ungenügenden Lebens- und Arbeits­bedin­gungen kamen nachweisbar mindestens 42.900 Menschen ums Leben. Hinzu kommen mehrere Tau­send Häftlinge, die nach ihrem Abtransport, in anderen Lagern umkamen oder nach ihrer Be­freiung an den Folgen der KZ-Haft starben. Es muss davon ausgegangen werden, dass mehr als die Hälfte der ca. 100.400 Häftlinge des Kon­zen­trationslagers Neuengamme die natio­nal­sozialistische Verfolgung nicht überlebte." heißt es in der Veröffentlichung der Gedenkstätte. Unter den verstorbenen ist auch Erwin Lippe aus Pirna. Er wurde am 9.2.1920 geboren und verstarb am 20.1.1943 im Neuengamme.

Weitere Einblicke und Fotos von unserer Reise gibt es auf Instagram und Twitter unter #bildungsfahrt2018


23
Dez
K2-Kulturkiste
-
Pirna
Zeit: 18:00

19
Jul
Hintere Sächsische Schweiz
-
Sebnitz

Zum Seitenanfang