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Kriegskinderausstellung in PirnaZum Ausstellungsprojekt "Kriegskinder - Dialog der Generationen in der Region Pirna" fragte uns das Stadtmuseum Pirna als Kooperationspartner an. Diese Kooperation haben wir heute, nach Besichtigung der Ausstellung, mit folgendem Schreiben aufgekündigt:

Wir möchten Ihnen gern eine Rückmeldung zur Ausstellung "Kriegskinder - Dialog der Generationen in der Region Pirna" geben, nachdem wir diese mittlerweile besichtigen konnten.

Wir hatten Ihnen ja bereits zurückgemeldet, dass wir es problematisch finden, dass "Biographien von Kindern, insbesondere jüdischen Hintergrundes" nicht mit in die Ausstellung aufgenommen wurden (siehe unsere Mails vom 8. März und 5. April). Das war aus unserer Sicht Teil unserer Absprache bei unserem ersten Treffen im Stadtmuseum.

Leider sehen wir uns nach der Besichtigung der Ausstellung darin bestätigt.

Zwar erklären Sie in der Einführungstafel zu Beginn der Ausstellung, dass die "mündliche Weitergabe von Erinnerungen" die Gefahr der "Subjektivierung und Unvollständigkeit" berge und es einer Einordnung in den "geschichtlichen Kontext" bedürfe. Leider können wir genau diese Einordnung der Ausstellungstücke, Biografien und Interviews in den historischen Kontext nicht erkennen.

Es beginnt lediglich mit einer Art Zeitstrahl am Treppenaufgang und endet dann schon mit der eben benannten Eingangstafel, in der es u.a. heißt:

"Der Zweite Weltkrieg ging von Deutschland aus. Unermessliches Leid und Gewalt mussten verfolgte, deportierte, ermordete oder zur Zwangsarbeit verurteilte Menschen erdulden. Leid ist jedoch immer persönlich und kann mit Leid anderer nicht aufgerechnet werden."

Gleich zu Beginn findet also eine Abgrenzung statt. Es wird deutlich, um wen und was es in der Ausstellung nicht geht: um die zahlreichen Opfer des NS, die Tatbeiträge, die Schuldfrage, das Ausmaß der systematischen Vernichtung menschlichen Lebens.

Das spiegelt sich auch in der Wortwahl sowohl im Zeitstrahl als auch in den einzelnen Ausstellungstafeln wider. Sie sprechen im Zusammenhang mit dem 8. Mai 1945 von Besatzung, Besetzung und Eroberung. Kein Wort dazu, dass es für Menschen eine wirkliche Befreiung gewesen ist. Aber um diese Menschen geht es in der Ausstellung ja nicht. Insoweit ist diese Wortwahl konsistent. Mit der exklusiven Raumgabe für die elf getöteten Flakhelfer betreiben Sie eine Gleichsetzung mit den durch die Deutschen ermordeten Menschen. Das ärgert uns jedoch sehr.

Die bloße Wiedergabe von "Oral History" darf einer Museumsleitung, nach den vielfachen Diskussionen in den 1990er und 2000er Jahren, nicht mehr passieren. Sich einzig und allein auf "Oral History" zu verlassen, die Distanz zu den Quellen, die Quellenkritik mit Interpretation und Kontextualisierung - eine Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens - so zu vernachlässigen und die historische Einordnung des Gesagten so außer Acht lassen, ist nicht nachvollziehbar.

Nicht allen Kindern wurde eine Zugehörigkeit zur Volksgemeinschafft zugesprochen, diesen wurde die Kindheitsidylle in der Zeit des Nationalsozialismus verwehrt. Sie blieben ausgeschlossen, ihnen wurden die Bürgerrechte aberkannt, sie wurden vertrieben, ausgewiesen, abgeschoben und letztendlich wurden sie zehntausendefach ermordet. So erging es u.a. den Kindern der Sinti und Roma, den Kindern der Jüdinnen und Juden, den mit den Euthenasieverbrechen ermordeten Kindern und den ermordeten Kindern in den von Deutschland besetzten Gebieten. Das geschah mit Kindern aus Pirna und Umgebung, das geschah vor aller Augen in Pirna und auch in Pirna verbrachten Kinder als KZ-Häftlinge eine Zeit ihres Lebens.

Sie haben Container aufgestellt, damit die Menschen aus ihrer Kindheit berichten können. Sie wussten, dass es viele Menschen aus der Region Pirna gibt, die aufgrund von Deportation, Vertreibung und Ermordung nicht berichten können.
Ein einziges Kind darf sich stellvertretend erinnern: Sich gegenüber stehend wird die Erinnerung von Lissa F., deren Mutter durch die Euthenasieverbrechen ermordet wurde, mit dem Schicksal der Flakhelfer (denen an der "Gedenkwand" noch mehr Raum eingeräumt wird), die in heller Begeisterung ihr Leben "Für Führer, Volk und Vaterland" gaben, gleichgesetzt. All den anderen Kindern wird in der "Kriegskinder"-Ausstellung kein Raum gegeben und sie werden damit ein zweites Mal ausgegrenzt. Sie haben sie vergessen.

Es fehlt bei jedem Abschnitt an einer einführenden Tafel zum historischen Kontext. Dies trifft maßgeblich auf zwei Aspekte der Ausstellung zu:

1) Die nationalsozialistische Politik in Bezug auf die Erziehung von Kindern und Jugendlichen (Stichworte: Gleichschaltung, Hitlerjugend und Bund deutscher Mädel)
2) Die Bombardierungen Dresdens und Pirnas als wiederkehrendes Thema (Stichworte: Zerstörung industrieller und militärischer Infrastruktur, totaler Krieg)

Ihr Versuch, dies in einem Zusatzprogramm irgendwie auszugleichen, ist unseres Erachtens völlig unzureichend.

Für uns bedeutet dies, dass wir unsere Kooperationsvereinbarung zurückziehen müssen und Ihnen für eine weitere Zusammenarbeit zu dieser Ausstellung nicht mehr zur Verfügung stehen. Auf unsere Absprachen, die wir beim ersten Treffen im Stadtmuseum vereinbart haben, sind Sie in der Ausstellung an keinem Punkt eingegangen.

Wir möchten nicht mehr als Kooperationspartner*in benannt werden.


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