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Aus dem Bild zu sehen sind vier Stolpersteine die an die Familie Reiner erinnern. Neben den Stolpersteinen liegen Blumen.Im Februar 2026 haben wir noch noch gefragt: "Keine weiteren Stolpersteine in Heidenau mehr?" 

Nun ist dies vorerst leider Realität geworden.

Wie kam es dazu?

In Heidenau gibt es bereits 5 Stolpersteine. Der erste Stolperstein wurde im August 2021 für Paul Gröger verlegt. Paul Gröger war der erste Bürgermeister der 1924 neu gegründeten Stadt Heidenau, einem Zusammenschluss der Gemeinden Mügeln, Gommern und Heidenau. Der Stolperstein wurde auf dem Rathausvorplatz direkt vor dem Eingang verlegt. Gröger weigerte sich 1933 die Hakenkreuzfahne zu hissen, wurde in das KZ Hohnstein verschleppt. Dort wurde er mißhandelt und auf Grund der gemachten Erfahrungen nahm er sich das Leben. Die Initiative für den Stolperstein ging von Marco Boltz, einem gebürtigen Heidenauer aus. [1]

Im Februar 2023 konnten vier weitere Stolpersteine für die Familie Reiner vor dem Haus in der Bahnhofstraße 10 verlegt werden. Mit diesen wird an Maximilian Reiner, seiner Ehefrau Elsa Emmÿ Reiner und seinen Kindern Horst Wilhelm Reiner sowie Käthe Reiner, verh. Mickwausch erinnert. Eine an dem Projekt der Aktion Zivilcourage beteiligte Schülerin beschriebt ihre im Projekt gesammelten Erfahrungen: „Erst durch das Projekt haben wir uns intensiver mit der Geschichte unserer Region auseinandergesetzt. In der Schule lernt man zwar auch viel über den Nationalsozialismus aber erst in der AG haben wir konkret auf unsere Umgebung geschaut und uns mit den Familien beschäftigt, die damals hier gelebt haben. Das hat mich schon sehr bewegt. Und jetzt zu sehen, wie schön die Steine hier aussehen, ist wirklich toll.“ [2]

Im Januar 2025 stellten wir beim damaligen Bürgermeister Jürgen Opitz einen Antrag zur Verlegung weiterer Stolpersteine. Nach einem Vorgespräch im Februar 2025 präzisierten wir diesen Antrag und stellten diesen in geändeter Form.(*) Wir beantragten am 20. Februar 2025 die Verlegung von 12 Stolpersteinen. In unserem Antrag boten wir der Stadt die Kostenübernahme für die Arbeiten des städtischen Bauhofes an. Auf Nachfrage zum Bearbeitungsstand im Oktober wurden wir zuerst auf die Stadtratssitzung im Dezember vertröstet, dann wiederum auf die Novembersitzung. Im Bauausschuss im November wurde unser Antrag nichtöffentlich vorberaten und der Verwaltung zur weiteren Bearbeitung zurückverwiesen.

Am 27. November 2026 tönte Max Schreiber, Stadtrat der Freien Sachsen, vermutlich aus der Stadtratssitzung heraus: "Wir [gemeint scheint der Stadtrat, Anm. d. Verf.] sollten aufhören, uns [...] uns mit immer mehr Stolpersteinen und Straßennamen die Stadt zuzupflastern." Im Dezember 2025 brachte oder wollte die AfD-Fraktion einen Antrag in den Stadtrat einbringen, dass zukünftig keine Stolpersteine mehr verlegt werden dürfen und eine Auslagerung des Gedenkens auf den Nordfriedhof der Stadt erfolgen soll. Zu dem AfD-Antrag hatten wir uns als Verein schon auf unsere Webseite akubiz.de geäußert. [4]

Laut Aussagen von Daniel Barthel (AfD) in der taz ging die CDU und die BOD (Bürgerinitiative Oberelbe für mehr Demokratie) auf diese zu und baten die AfD, den Antrag zurückzuziehen und einen gemeinsamen Antrag einzubringen. [5]

Aus der Stadtverwaltung wurden wir zu diesem Zeitpunkt auf 2026 vertröstet. Auf Nachfrage im neuen Jahr erfolgte keine Reaktion mehr. Im Februar 2026 wandte sich der Regionalverband der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes persönlich an alle Mitglieder des Stadtrates (außer AfD). In diesem nahmen sie Stellung zum bis dahin bekannten Sachverhalt und boten Gespräche an. Auf dieses Schreiben bekamen sie von keinem der Stadträte eine Antwort.

Anfang Mai 2026 boten wir der Bürgermeisterin Frau Oertel erneut ein Gespräch an, auch darauf erfolgte keine Reaktion.

Am 24. September 2026 beschloss der Stadtrat in Heidenau nach hitziger Debatte in geheimer Abstimmung mit 13 Zustimmungen, sechs Gegenstimmen und einer Enthaltung die Annahme des interfraktionellen Antrages der BOD (Bürgerinitiative Oberelbe für mehr Demokratie), CDU und AfD, in Heidenau keine weiteren Stolpersteine zu verlegen und stattdessen eine Gedenkfläche auf dem Nordfriedhof zu schaffen. Diese soll allen Opfern von Krieg, Terror, Diktaturen, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus in Heidenau gewidmet werden. Für diese Gedenkfläche gibt es kein Konzept und keine Finanzierungsvorschläge. Die Stadtverwaltung Heidenau hatte, wie bei allen Anträgen, die Beschlussvorlage bewertet und sah diese kritisch. Sie erkannte, dass die vorgeschlagene Gedenkfläche auf dem Friedhof nicht dieselbe Wirkung erzielen kann, wie ein Gedenken unmittelbar im Ort und an den Wohn-und Wirkungsstätten. Sie kritisierte, dass es keine Aussagen zur Finanzierung der Gedenkfläche auf dem Friedhof gibt, dass der Friedhof auch nicht im Eigentum der Stadt steht und auch eine Änderung der Friedhofsflächen eine denkmalrechtlich Genehmigung brauche. [6]

Verdrängung und Verharmlosung

Die vorgetragenen Argumente gegen Stolpersteine in der Beschlussvorlage sind vorgeschoben. 

Es gibt unterschiedliche Auffassungen dazu, ob ein mögliches Betreten der Stolpersteine ein würdiges Gedenken darstellt. So wurde sich zum Beispiel im Jahr 2015 in München gegen die Verlegung von Stolpersteinen ausgesprochen. An den Orten, an denen verfolgte Menschen gewohnt oder gewirkt haben, sind hierfür Gedenktafeln entstanden. Ein solches dezentrales Gedenken ist in dem Beschluss für Heidenau jedoch gerade nicht vorgesehen. Stattdessen soll eine Verdrängung aus dem Stadtbild heraus an den Rand der Stadt erfolgen.

Auf dem Heidenauer Nordfriedhof existiert bereits ein Gedenkort - ein Granitblock, auf dem steht: "Damit ein Volk leben kann, braucht es eine Kultur des Erinnerns und Gedenkens." Vor dem Granitblock sind Platten in den Boden eingelassen. Auf diesem Platten werden die Namen derer graviert, denen seit 1996 in der von der Kirchgemeinde und einem Initiativkreis für das Erinnern am 27. Januar getragenen Gedenkveranstaltung gedacht wird. 

Dieser Gedenkort wurde nicht mitgedacht. Wir stellen uns die Frage, ob die vorgeschlagene Alternative denn tatsächlich gewollt war oder nur als wage Ausweichmöglichkeit herhalten musste.

Hinzu kommt, dass eine gemeinsame Gedenkfläche für die „Opfer von Krieg, Terror, Diktaturen, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus in Heidenau“ die unterschiedlichen historischen Zusammenhänge vermischt und damit die Singularität der Shoa relativiert.

Werden jüdische Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung gemeinsam mit Kriegsopfern, Vertriebenen und Opfern anderer Diktaturen unter einer übergreifenden Opferkategorie zusammengefasst, droht die spezifische Geschichte der Shoa hinter einer allgemeinen Erzählung von Krieg, Gewalt und Leid zurückzutreten. Zudem verwischt die grenze zwischen Opfern und Tätern.

Ziel der AfD und ihres Antrages ist die Umsetzung der von Höcke ausgerufenen "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad". Die zustimmenden Stadträte der CDU tragen diese Entwicklung mit und machen sich zu willigen Helfer:innen der AfD-Politik. 

Wenn René Kirsten (BOD) in der Stadtratsdebatte davon spricht, dass er durch die Verlegung von weiteren Stolpersteinen "vergoldete Straßen"[..] befürchte, zeigt dies vor allem, wie wenig es in dieser Debatte um die Würde des Gedenkens und wie sehr es um die Verhinderung einer sichtbaren Erinnerung im öffentlichen Raum geht.

Wir stehen zu dem Konzept der Stolpersteine. 

Sie ermöglichen eine individuelle Erinnerung und machen im unmittelbaren Lebensumfeld sichtbar, dass in Heidenau Menschen lebten, die verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Sie erinnern daran, dass sich solche Schicksale im eigenen Wohn- oder Geschäftshaus, im Nachbarviertel oder in der unmittelbaren Nachbarschaft ereignet haben.

Den Opfern des Nationalsozialismus werden dadurch ihre Namen und damit auch ein Teil ihrer verlorenen Identität zurückgegeben. Die bewusste Begegnung mit den Stolpersteinen im Stadtbild ist ausdrücklich erwünscht.

Die Stolpersteininitiativen werden ehrenamtlich getragen und sind damit Ausdruck eines vielfältigen bürgerschaftlichen Engagements. Zentrale Erinnerungsorte spiegeln dieses bürgerschaftliche Engagement in der Regel nicht so deutlich wieder. Die Verlegung von Stolpersteinen ist zudem ein fortlaufender Prozess: Bürger*innen setzen sich mit den konkreten Lebensgeschichten und Schicksalen verfolgter Menschen auseinander. Damit verbunden ist auch die Auseinandersetzung mit den Täterschaften im eigenen Lebensumfeld.

Angesichts der Millionen Opfer des Nationalsozialismus wird das Stolpersteinprojekt nie abgeschlossen sein. Erinnern kennt keinen Schlussstrich. Das Stolpersteinprojekt selbst steht damit für eine kontinuierliche gesellschaftliche Verantwortung und die dauerhafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Wir wollen dennoch einen Weg finden, ein Erinnern im Stadtbild zu ermöglichen.


 Veranstaltungshinweis: 

Mahngang zur Erinnerung an die Novemberpogrome 1938

8. November 2026 - 16 Uhr - Platz der Freiheit (Ecke ehem. Euronics / Videothek)

Wir laden alle Interessierten zu einem Stadtrundgang zum Gedenken an die Novemberpogrome 1938 in Heidenau ein.

Gemeinsam mit Schüler:innen stellen wir ihnen die Geschichte ehemaliger jüdischer Einwohner:innen vor.


 (*) Geplant war die Verlegung für folgende Personen/Familien:


 Zum nachlesen:

[1] Heike Sabel in Sächsische Zeitung - online; Heidenau hat seinen ersten Stolperstein. 24.08.2021. URL: https://www.saechsische.de/lokales/saechsische-schweiz-osterzgebirge/heidenau/heidenau-hat-seinen-ersten-stolperstein-42WIZXUL25LUG74C37A5L3IDDQ.html (zuletzt eingesehen am 26.09.2026)

[2] Julia Miller in Aktion Zivilcourage. Zweijähriges Schülerinnenprojekt erfolgreich: Stolpersteine in Heidenau verlegt. 22.02.2023. URL: https://www.aktion-zivilcourage.de/ueber-uns/news/stolpersteinverlegung (zuletzt eingesehen am 26.09.2026)

[3] Team Schreiber - klagt an! auf Telegram. Screenshot liegt vor.

[4] AKuBiZ e.V: Keine weiteren Stolpersteine in Heidenau mehr? 01.02.2026 URL: https://akubiz.de/38-verein/news/868-keine-weiteren-stolpersteine-in-heidenau-mehr (zuletzt eingesehen am 26.09.2026)

[5] David Muschenich in taz: Stolpersteine in Sachsen „Das dient nicht dem Erinnern, sondern dem Vergessen“. 23.09.2026. URL: https://taz.de/Stolpersteine-in-Sachsen/!6215252/ (zuletzt eingesehen am 27.09.2026)

[6] Stadt Heidenau: Bürgerinformationssystem. Beschlussvorlage 083/2026. URL: https://www.heidenau.de/ris/buergerinfo/getfile.php?id=365757&type=do (zuletzt eingesehen am 27.09.2026)

[7] Heike Sabel und Natalie  Meinert in Sächsische Zeitung: Antrag von Stadträten der CDU und AfD: Heidenau verbietet neue Stolpersteine, 24.09.2026, URL: https://www.saechsische.de/lokales/saechsische-schweiz-osterzgebirge/heidenau/heidenau-stadtrat-beschliesst-aus-fuer-neue-stolpersteine-antrag-von-cdu-und-afd-GCKSRLSOHNE6LGDYKGZUZKIEBI.html, (zuletzt eingesehen am 28.09.2026)

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