Wer mehr über dieses Thema erfahren möchte, kann sich die Ausstellung „Antisemitismus? Antizionismus? Israelkritik?“ vom 30. Juni 2008 bis zum 01. August 2008 im Hörsaalzentrum der TU Dresden (Bergstraße 64, Hörsaal 2) kostenfrei ansehen.
Die Wahrnehmung Israels und seiner Gesellschaft in den öffentlichen Medien ist primär durch den Nahostkonflikt bestimmt. Im Fokus der Berichterstattung stehen vor allem die physische Gewalt der Konfliktparteien, sowie die oft daraus resultierende Eskalation der Auseinandersetzung. Der israelische Alltag und die Vielfalt der Gesellschaft werden nicht, allenfalls in Features, Reportagen und Hintergrundberichten, erwähnt. Einen Alltag ohne Militäraktionen scheint es nicht zu geben. Die israelisch-palästinensische Konfrontation und insbesondere Israel an sich standen und stehen im Gegensatz zu anderen Krisenherden der Welt, wie Beispielsweise Tschetschenien oder Ruanda, schon lange im Mittelpunkt des medialen Interesses.
Spätestens seit dem ersten Libanon-Krieg 1982 hat sich in großen Teilen der deutschen Bevölkerung ein Stimmungswandel hin zu einer einseitig kritischen, wenn nicht gar negativen Haltung angedeutet. Die oft undifferenzierten bis dilletantischen Berichterstattungen führen zuweilen dazu, dass Israel und die palästinensische Autonomiebehörde fälschlicherweise als einheitliche politische Subjekte stilisiert werden.
Die Rechte und nicht wenige Teile der politischen „Mitte“ nutzen in dieser Hinsicht sowohl die schematisierte Berichterstattung und natürlich den Konflikt selbst, um antisemitische Ressentiments nicht mehr ausschließlich unmittelbar auf die Juden, sondern auch auf den Staat Israel zu projizieren. Israel und die jüdische Religion werden gleichgesetzt. In der Praxis verschwimmt zusehends die Differenz zwischen Juden und Zionisten. Die so entstehende Verzerrung und die pauschalierende Diffamierung des jüdischen Staates bedienen sich traditioneller antisemitischer Stereotypen und koppeln diese mit aktuellen politischen Geschehnissen. Die Flanke zur Verschwörungstheorie liegt offen, in dem »der Jude«, wie im Antizionismus und Antisemitismus immanent, als die personifizierte, dritte Macht sowohl den christlichen Okzident als auch den islamischen Orient gleichermaßen bedroht und die eigentliche Schuld an ihren Konflikten trägt. So lassen sich antisemitische Mythen von Konspiration, Verrat und Weltherrschaftsstreben über den Umweg der »Kritik an Israel« untabuisiert äußern. Die Politik des Staates wird als „jüdisches Handeln“ markiert, und dessen negative Bewertung wird für die Gesamtheit der Juden generalisiert. Die mediengerechte Darstellung des Konflikts, die Israel immer wieder eine besondere Brutalität unterstellt, vor allem durch die Wortwahl in der Berichterstattung, setzt antisemitische Ressentiments frei, die in täglichen Übergriffen auf Juden und jüdische Einrichtungen kulminieren. So waren das in den Medien im Frühjahr 2002 fälschlich als Massaker titulierte Vorgehen der israelischen Armee im Flüchtlingslager Dschenin und die Ereignisse in Bethlehem, als sich einige Palästinenser in der Grabeskirche verschanzt hatten, in vielen europäischen Ländern der Auslöser für antisemitische Übergriffe.
Die Präsenz des Nahostkonflikts in den Medien, linke Diskurse mit einer zum Teil unwidersprochener einseitiger pro-palästinensischer Haltung, dies sich in der Berichterstattung niederschlagen und sich im Mainstream verfestigen, um eine Gleichsetzung von Israelis und Juden tragen dazu bei, jüdische Bürger des Landes zu willkommenen Feinden werden zu lassen, um eine negative Haltung oder gar Hass gegen Israel auszuleben.
Ist Kritik an Israel zu üben folglich ein Tabu?
Nein, man kann und wenn es notwendig ist sollte man auch, jedes Land, jede Regierung kritisieren - natürlich auch die Politik der jeweiligen israelischen Regierung. Das ist gut und richtig so, das ist eine Errungenschaft der Demokratie. Doch sollte man keine Regierung, erste Recht kein Land in Grund und Boden kritisieren, noch dazu wenn diese Ablehnung unter dem durchsichtigen Mantel einer »berechtigten Kritik« versteckt wird. Denn dann ist es schlichtweg Antisemitismus, der über den Umweg der Kritik am Staate Israel kommuniziert wird. Dazu kommt, dass kritische Meinungen aus den Reihen der Palästinenser über die Politik der Hamas nur selten präsentiert werden. Israelis, die sich vehement gegen die Politik ihres Landes stellen, werden häufig nicht zitiert, um die Vielfalt der Meinungen in Israel zu dokumentieren. Stattdessen übernehmen sie die Alibifunktion, um die eigene Meinung des Journalisten oder der Redakteure zu untermauern, die glauben, sie können oder dürfen aufgrund der historischen deutschen Verantwortung selbst keine Kritik an Israel üben. Indirekt wird hier die These kolportiert, es gebe ein Tabu, Israel kritisieren zu dürfen, wobei es an der Einsicht fehlt, dass es nicht darauf ankommt, ob kritisiert wird, sondern viel mehr wie und mit welchen antisemitischen Klischees.
Neutralität in konfliktreichen Auseinandersetzungen ist schwerlich zu gewährleisten, zumal, wenn es sich um ein derart schwieriges Beziehungsgeflecht wie im israelisch-palästinensischen Konflikt handelt. Emotionalität und unterschiedliche Interessen stehen hier häufig entgegen. Nachrichten werden heute bestimmt von visuellen Darstellungen, Journalisten lassen Bilder sprechen, häufig ohne genauere Kontextualisierung der Aufnahmen. Es ist eine Illusion zu glauben, Bilder seien objektiv. Der Konflikt, der längste ein Konflikt der Bilder geworden ist, sehen palästinensische Kameraleute oder Fotografen ebenso wie israelische Bildjournalisten jeweils mit ihren Augen. Journalisten, Kameraleute und Fotografen können nie neutral sein. Sie bringen ihre eigenen Sichtweisen und Deutungsmuster in die Berichterstattung ein, sie sind beteiligt am allgemeinen Diskurs, reproduzieren und verfestigen ihn. Sie können der allgemein verbreiteten öffentlichen Meinung aber auch kritisch gegenüberstehen und versuchen, diese zu modifizieren.
Wer mehr über dieses Thema erfahren möchte, kann sich die Ausstellung „Antisemitismus? Antizionismus? Israelkritik?“ vom 30. Juni 2008 bis zum 01. August 2008 im Hörsaalzentrum der TU Dresden (Bergstraße 64, Hörsaal 2) kostenfrei ansehen.
Die vom Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin und der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem konzipierte Ausstellung stellt die Ausprägungen antisemitischer Verschwörungstheorien der letzten Jahre ausführlich dar und eignet sich besonders gut für Neueinsteiger/innen in diese Thematik.
Inhaltlich ergänzt wird die Ausstellung durch folgende Begleitveranstaltungen:
30.06.08 - 15:00 Uhr - Vortrag
„Die Juden sind unser Unglück!“ – Motive und Denkmuster des aktuellen Antisemitismus
Prof. Dr. Werner Bergmann, Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin
02.07.08 – 16:00 Uhr
„Israel heute / Chancen auf Frieden im Nahen Osten“
Ilan Mor, Gesandter der Israelischen Botschaft
Moderation: Prof. Dr. Werner Patzelt, Politikwissenschaftler der TU Dresden
09.07.08 – 16:00 Uhr
„Judentum in Sachsen heute“
Dr. Ruth Röcher, Jüdische Gemeinde Chemnitz
Moderation: Ute Klüger, Landeszentrale für politische Bildung
16.07.08 – 16:00 Uhr
„Wer ist Schuld am Antisemitismus? Die Auswirkungen antisemitischer Vorurteile auf jüdisches Leben in Deutschland“
Dr. Juliane Wetzel, Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin
Moderation: Dr. Julia Schulze-Wessel, Philosophische Fakultät, TU Dresden
Die Ausstellung wird von der TU Dresden und der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung veranstaltet. Mehr Informationen gibt es unter:
TU Dresden: http://tu-dresden.de/aktuelles/termine/antisem
SLpB: http://www.slpb.de/veranstaltungen.php