von Steffen Richter
Im Januar 1982 gründete sich der Verlag "Die Werkstatt" - im Juli des selben Jahres erschien dann ihr erstes Buch. Nach der Gründung brachte der Verlag im Herbst 1992 das erste Werk zum Thema Fußball heraus. "Der gezähmte Fußball - Zur Geschichte eines subversiven Spiels" wurde ein Erfolg und der Verlag entwickelte sich zu einem der wichtigsten in den Bereichen Sport und Fußball.
Eines der neusten Werke ist das Buch des Berliner Sportjournalisten Ronny Blaschke.
Hintergrund des Buches ist der im Fußball verankerte Rassismus vieler "Fans", der sich mit einer Affinität zur Gewalt paart. Daraus entstehen eine Reihe von gefährlichen und menschenverachtenden Szenarien rund um das Leder. In 20 Kapiteln werden Ausflüge in die Fußballwelt unternommen und im letzten, 21., eine Chronik der Gewalt aufgezeigt. Nicht das sie auch nur die Chance einer Vollständigkeit beansprucht, aber das muss sie auch gar nicht, denn die einzelnen Tragödien sind unfassbar genug. So erinnert sie an die Ausschreitungen während des Olympia-Qualifikationsspiels (1964) zwischen Peru und Argentinien, bei denen 350 ZuschauerInnen starben. Ebenso wie an die Ermordung des kolumbianischen Spielers Andrés Escobar, der das entscheidende Eigentor während der Fußball-WM 1994 erzielt und damit sein Team aus dem Cup schoss. Oder die Ermordung des Polizeiinspektors Filippo Raciti beim sizilianischen Derby zwischen Calcio Catania und US Palermo.
Immer sind es diese "großen Katastrophen", die Randale oder Rassismus in die mediale Öffentlichkeit zurückholen. Die alltägliche Gefahr bei Spielen in Osteuropa oder Mittelamerika bleibt genauso unterdrückt wie der Rassismus in italienischen und deutschen Stadien. Besonders aus den unteren Ligen sind sie doch fast jedeR bekannt - die Transparente der ostdeutschen "Fußball-Fans". So zeigten Dresdener eines mit der Aufschrift "Hallo Kanaken" (gegen Köln im März 2005), Cottbuser eines mit der Aufschrift "Ihr seid Ade, wir sind weiß!" (gegen Leipzig im April 2006) und Leipziger formierten sich als menschliches Hakenkreuz (beim Stadtderby im Februar 2006). Die Liste kann endlos weitergeführt werden...
Nach dem die deutsche Fansszene behandelt wird, widmet sich das Buch der internationalen Szene. Dabei kommen eine Menge Leute zu Wort, die das Wirken in anderen Stadien sehr anschaulich machen. Von England geht es über Italien, den Niederlanden und Polen hin nach Argentinien. Einer der wenigen, aus meiner Sicht, lustigen Artikel ist der über die Football-Szene in den USA. Er lockert das Buch an der Stelle gut auf, wobei er nicht unbedingt in das Konzept des Buches passt.
Die für mich beieindruckensten Kapitel waren die, in denen Schiedsrichter, Spieler und Funktionäre zu Wort kommen, die den alltäglichen Wahnsinn in deutschen Stadien hautnah miterleben und um ihre Gesundheit fürchten müssen. Dies gilt sowohl für den Schiedsrichter Heinrich Schneider, den Leipziger Spieler Adebowale Ogungbure als auch für den MAKABI-Funktionär Tuvia Schlesinger und den Türkiyemspor-Spieler Fatih Aslan. Am Ende stellt sich die Frage, ob es der Fußball wert ist, sich dem auszusetzen.
Als Fazit bleibt zu sagen, dass das Buch ein echter Tipp ist. Es ist interessant geschrieben und die einzelnen Kapitel sorgen für Kurzweile. Es gibt eine Reihe guter Fotos, die das Beschriebene untermalen. Mir fehlt lediglich ein Bericht über die zahl- und erfolgreichen Aktionen antirassistischer Gruppen. So zum Beispiel eine längere Ausführung zur "Mondiali Antirazzizti" in Italien, die leider nur kurz Erwähnung findet.
Weitere Informationen zum vorliegenden Buch unter:
www.werkstatt-verlag.de
Ronny Blaschke
Im Schatten des Spiels
Rassismus und Randale im Fußball
240 Seiten, Paperback, Fotos
ISBN 978-3-89533-555-6
Euro 16,90 / sFr 29,70



