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Zeitzeug_innenbegegnung in Ostritz 2012Zeitzeug_innengespräche mit Überlebenden des Nationalsozialismus in Ostritz

In der Oberlausitz schmiegt sich idyllisch das Kloster St. Marienthal an die Neiße. Der durch ständige Regenfälle nunmehr reißende Fluss ließ Strand und Ufer verschwinden. Hier befinden wir uns zu einem außergewöhnlichen Treffen. Unserer 9. Begegnung mit ehemaligen KZ-Häftlingen in Ostritz.

Aus dem Leben gerissen wurden Menschen während des Zweiten Weltkrieges durch die zentralistische „Lösung der Judenfrage“. Sie verbrachten ihre Kindheit in Ghettos, Arbeitslagern oder Vernichtungslagern, sie starben oder überlebten. Zeitzeug_innen berichteten in einem zweitägigen Austausch über ihre Erinnerungen,  ihre Erfahrungen, ihr Erlebtes und ihr Leben.

Fragt uns, denn wir sind die Letzten.

Da habe ich noch einmal Glück gehabt, eine sehr allgemeine Phrase, die oft fällt und aufgehoben in diesem Gespräch eine völlig neue Konnotation erhält, denn „Glück gehabt“ so sagte es Martha, eine Überlebende, bezieht sich auf das am leben sein. Sie verbrachte ihre Kindheit ab 1942 in Theresienstadt und zwei Jahre später wurde sie nach Auschwitz deportiert und hat dort ihren Vatern sowie ihre Mutter verloren. Von „Glück“ sprach sie, als Martha in der Nähre von Zittau in einem Arbeitslager sehr schwere Arbeit, in einer Textilfabrik, verrichten musste und die Rote Armee sie befreite bevor sie auf einen Todesmarsch geschickt wurde. Sie arbeitete später als Zahnarzttechnikerin und konnte sich darüber freuen, dass ihr Bruder den Holocaust überlebte. Das Glück was Ihr widerfuhr und auf das sich ein derartiger Genozid nie wiederholen wird, teilt Sie ihre Geschichte mit Kindern und Jugendlichen an Schulen.
Auf einem Todesmarsch Richtung Westen befand sich Eva kurz vor der Befreiung, jedoch als die russische Armee Danzig erreichte flohen die deutschen Soldaten und überließen die Menschen ihrem Schicksal. Sie überlebte da „Hitler sie als Arbeitskräfte brauchte“. In dem Arbeitslager Stutthof musste sie bei sengender Hitze und bei minus 20°C Schützengräben ausheben. Als Jugendliche wurde sich mit 13 Jahren von den Nazis nach Theresienstadt gebracht und kam ein Jahr später nach Auschwitz-Birkenau. „Nach einem halben Jahr wurden alle vergast“, damit meinte sie alle Menschen, welche wie Eva aus Theresienstadt kamen.

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1933 kam Michal Salomonovic auf die Welt. In Ostrau wo er damals lebte zwangen die Nazis die jüdische Kultusgemeinde ihnen 1000 Mitglieder ihrer Gemeinde für den Bau eines Arbeitslagers zur Verfügung zu stellen. Unter diesen befand sich sein Vater, das Lager wurde grenznah erbaut und bei Überschreitung der Grenze sollte geschossen werden. Aufgrund dessen das die Jüdinnen und Juden keine Papiere hatten und es vereinzelt dennoch schafften die Grenze zu überqueren wurden sie vom russischen Militär verhaftet. Sein Vater wollte nicht über die Grenze fliehen, selbst wenn sich eine Gelegenheit geboten hätte, er kehrte immer wieder nach Hause zurück, wo ihn später die Nazis töteten. Michal selbst kam als erstes nach Litzmannstadt, einem Ghetto in Lodz. Von dort aus wurde er nach Ausschwitz deportiert, anschließend kam er als Zwangsarbeiter nach Dresden und als die Rote Armee von Osten her sich Dresden näherte wurde die Menschen Richtung Westen gebracht. Nach der Befreiung befand er sich in Böhmen und bekam Kartoffeln geschenkt, die erste aß er mit Schale, Sand und Allem, bei der zweiten jedoch begann er die Kartoffeln vorher zu schälen, so berichtete er. Von diesem Tag an isst er am liebsten Kartoffeln und es hat sich bis heute nichts daran geändert. Später arbeitete er in den „schwarzen Gruben“ in Ostrau, wo er sich mit Walzen beschäftigte und studierte anschließend Maschienenbau. Dabei konnte er, sein im Bergbau gewonnenes Wissen vertiefen. Michal ist Vorsitzender des Auschwitzrates und versucht jungen Menschen zu vermitteln was in der Zeit des Nationalsozialismus geschehen ist, die oft schweren Erinnerungen zu teilen und einen offeneren Geist zu schaffen. Sehr interessiert und neugierig fragte er uns wie Heranwachsenden und Kindern dies näher gebracht werden kann und überraschte uns sehr, wie bedächtig er mit den Antworten umging und ein offenes Ohr für unsere Worte hatte. Ohne Eltern und mit gerade einmal sechs Jahren kam Jindriska 1942 nach Theresienstadt, kurze Zeit später erkrankte sie schwer und erholte sich bis Kriegsende nicht von ihrer Erkrankung. Nach dem zweiten Weltkrieg studierte sie Sozialpädagogik und arbeitete in einer katholischen Schule für Gesundheitswesen und war die Leiterin eines Kindergartens. Die tschechische Staatssicherheit hat sie 1969 auf ihre politische Gesinnung hin überprüft, damit musste sie ihre Arbeit als Leiterin aufgeben und unterrichtete weiterhin in einem Kurort. In der Tschechischen Republik wurde eine Liste veröffentlicht in welcher festgehalten wurde, welche Menschen von wem in Zeiten der Satellietenstaaten denunziert wurde. Sie hat überlegt nachzusehen wer ihr das Leben erneut erschwerte und hat sich dagegen entschieden, da es ebenso Freund_innen sein konnten oder gar Bekannte die schon verstorben sind. Es blieben viele Fragen offen bzw. wurden aufgeworfen aber vielleicht ist es genau das, was so ein Treffen ausmacht.

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