Zum vierten Mal wurden dieses Jahr Jugendliche aus Pirna und Umgebung vom Maximiliam-Kolbe-Werke nach Ostritz in das Kloster St. Marienthal eingeladen. Jährlich wird den Jugendlichen hier die Möglichkeit geboten mit den letzten Überlebenden der Konzentrationslager zu sprechen.
Wir reisten zum frühen Abend des 23.07.2007 an und genossen erstmal das schöne Wetter am Strand der Neiße und einem naheliegenden See. Nach dem Abendbrot fand dann die Vorstellungsrunde statt, bei der beide Gruppen ihre ersten Eindrücke sammeln konnten. Alle waren sehr gespannt, wie die Gespräche verlaufen würden. Für einige war es die erste Begnung in solch einem Rahmen, andere hatten bereits in den vergangenen Jahren teilgenommen. Jedoch blieb es an diesem Abend vorerst bei einem kurzem Kennelernen, die Jugendlichen stellten sich und die Arbeit ihres Vereins, AKuBiZ e.V., vor.
Am darauffolgenden Tag erzählten uns die Menschen aus Belarus ihre persönlichen Lebensgeschichten, die ihnen während des 2. Weltkrieges wiederfahren waren. So berichtet Wladimir anfangs über die Lebensumstände in Belarus zu Ausbruch des Krieges. Damals konnte er noch ein verhältnismäßig normales Leben führen, da zu dieser Zeit vorrangig KommunistInnen und JüdInnen inhaftiert wurden. Jedoch änderte sich dies, als die deutsche Wehrmacht zurückgedrängt wurde und ihre großen Niederlagen begannen. Von da an wurden alle Menschen, die in der Umgebung lebten zwischen Front- und Reservelinie in verschiedene Sammellager eingesperrt. Unter ihnen befand sich auch Wladimir. "Die kleinste Schwester hatte meine Mutter auf dem Arm und wir hielten uns am Rock fest. So liefen wir bis zu 15 Kilometer am Tag." Er wurde, wie tausende weitere Menschen in Ozaritschi interniert, aber war einer von wenigen, die überlebten. Ozaritschi war kein Lager in dem Sinne, wie wir es uns wahrscheinlich vorgestellt hätten, denn es besaß weder Häuser oder Barracken, noch gab es ausreichend Nahrung, von medizinischer Versorgung ganz zu schweigen. Das Lager war ein versumpftes, von einem Stacheldrahtzaun abgegrenztes, Gebiet. Zudem wurden bewusst Menschen interniert, die an Fleckfieber oder Typhus erkrankt waren.
Ziel war es dabei, die Epidemien unter den Frontlinien der Roten Armee zu verbreiten, um deren Vorrücken zu verhindern. Tausende Menschen starben jeden Tag und jede Nacht in diesen Lagern - über die Hälfte von ihnen waren Kinder unter 13 Jahren. Doch auch nach seiner Befreiung sollten sich die Lebensumstände noch nicht wesentlich verbessern, sie waren jetzt wieder frei, aber wie sollte die Zukunft aussehen? Für die ehemaligen Häftlinge begann eine Zeit, in der geschwiegen wurde. Geschwiegen über das, was ihnen wiederfahren ist. Weder Anerkennung, noch gute Arbeit erhielten sie nach der Befreiung, da geglaubt wurde, sie könnten Kollaborateure sein, da sie zu den wenigen Überlebenden gehörten. Heute ist Wladimir Leiter des Archivsdienstes für das Lager in Ozaritschi, Vater, Großvater und sogar Urgroßvater.
Auch Vasily berichtete über seine Erfahrungen. Er wurde 30 km entfernt von Ozaritschi geboren. Dreizig Kilometer entfernt von dem Lager, in dem er später als Kind interniert werden sollte. Zuvor überlebte er fünf Sammellager. Im Oktober 1943 begannen die Nazis mit der Zusammentreibung und Internierung der Menschen in ganzen Dörfern. Dort lebten bis zu 70 Personen in einem Haus, unter ihnen war auch Vasily. Von da aus wurden sie dann nach Ozaritschi gebracht. Immer wieder hörten sie von Schreckensnachrichten über die Zerstörung von ganzen Dörfern, was die deutschen MörderInnen mit "Partisanenbekämpfung" rechtfertigen. Die bewaffnete Widerstandsbewegung von Belorus gilt als eine der stärksten Europas, da es über 1000 Partisanengruppen gab. Die Befehlshaber der Wehrmacht gingen mit äußerster Härte gegen die Zivilbevölkerung vor, obwohl die Niederlage der deutschen Wehrmacht nicht mehr zu verhindern war. Am 18.-19. März 1944 befreiten die Truppen der 65. Armee der 1.Belorussischen Front aus den Lagern in Osarewitschi 33480 Menschen, darunter 15960 Kinder im Alter unter 13 Jahren.
"Ich kann nicht ohne Tränen davon erzählen. Dank der Soldaten der Roten Armee wurden wir aus dieser Hölle befreit." Heute ist Vasily Leiter eines Veteranenvereines und Träger eines Abzeichens für die Hilfe nach dem Tschernobylunfall.
"Weißrussland (Belorus) war eines der Länder, dessen BewohnerInnen am meisten unter der deutschen Bestzung leiten mussten. Die Zahl der Verschleppten wird auf bis zu 500.000 Menschen geschätzt. Als im Sommer des Jahres 1941 die Wehrmacht einfiehl, evakuierte die Rote Arme kurz vor und noch während des Einmarsches rund 20 % der weißrussischen Bevölkerung nach Russland. Von 1941 bis 1944 ermordeten Wehrmacht und SS rund zweieinhalb Millionen Einwohner Weißrusslands - mehr als ein Viertel der Bevölkerung. Die deutschen Soldaten führten einen Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung. Es wurden mehr als 200 Städte und 9.000 Dörfer zerstört. Vielfach trieben die deutschen Soldaten die Dorfeinwohner in Scheunen und brannten diese nieder, wie 1943 in Chatyn. Heute ist dieser Ort nahe Minsk eine Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Allein in Minsk ermordete die deutsche Besatzungsmacht mehr als 100.000 EinwohnerInnen. Die jüdische Bevölkerung Weißrusslands wurde fast vollständig ermordet. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Weißrussland zehn Millionen Menschen. Erst gegen Ende der 1980er Jahre hatte die Bevölkerungszahl Weißrusslands wieder den Vorkriegsstand erreicht." (www.wikipedia.de)
Wir bedanken uns bei Beata, Antje und Herbert für die freundliche Einladung und die Möglichkeit zum viertel Male an dem Treffen teilgenommen zu haben. Dank auch an die Überlebenden, dass sie uns ihre Geschichten anvertraut, uns freundlich empfangen und mit uns gesungen haben.



