Pirna, eine idyllische Stadt an der Elbe mit historischem Stadtkern, durch den Einheimische sowie Touristen schlendern. Sie sehen sich die angepriesenen Waren in den Schaufenstern an. Anschließend setzen sie sich in eines der zahlreichen Cafés und unterhalten sich über alltägliche Dinge des Lebens. Ziemlich intakt das alles. Wer ahnt da, dass nur wenige Kilometer entfernt Menschen unter Bedingungen leben, die jeder Vorstellung eines würdigen Lebens widersprechen?
In Leupoldishain sind in einem ehemaligen Arbeiterwohnheim der SDAG Wismut heute FluchtmigrantInnen untergebracht. Unter ihnen Familien mit kleinen Kindern, allein stehende junge Männer sowie ältere Frauen und Männer. Sie alle sind nicht freiwillig hier. Vielmehr wurden sie durch Krieg, Vertreibung, Verfolgung, Folter, Menschenhandel, Hungersnot, Armut oder Naturkatastrophen in ihren Heimatländern dazu gebracht, diese zu verlassen.. Sie kommen aus Syrien, Irak, Vietnam, Jugoslawien oder Indien.
„Die unterwünschte Integration Asylsuchender in die bundesdeutschen Lebensverhältnisse ist durch bewusst karge, lagermäßige Unterbringung zu verhindern. Sie muss als psychologische Schranke gegen den weiteren Zustrom Asylwilliger aufgebaut werden“. So lautet eine politische Forderung aus dem Jahr 1978.
In Hinsicht auf Leupoldishain ist diese Forderung, trotzdem inzwischen 30 Jahre vergangen sind, erfüllt. Bei unserem ersten Besuch dieses Heimes im Mai 2007 werden wir von den BewohnerInnen freundlich und aufmerksam empfangen. Über das, was sich unseren Augen bietet, sind wir jedoch schockiert. Kaum vorstellbar, dass hier Menschen oftmals viele Jahre wohnen müssen. Die Gänge sind schmal, dunkel, karg mit steinernem Fußboden – von Dekoration keine Spur. Die Gemeinschaftsräume, wie Küchen, Toiletten und Wäscheräume sind spärlich und lieblos eingerichtet. Hier finden wir kein freundliches Detail. Alles lässt darauf schließen, dass hier schon lange nichts mehr renoviert wurde. „Das hier versprüht den Charme eines leer stehenden Kinderferienlagers aus den 60er Jahren“, resümiert einer von uns.
Vor den Zimmertüren stehen ordentlich aufgereiht die Schuhe der BewohnerInnen, darunter viele Kinderschuhe. Pro Person stehen offiziell 4,2 Quadratmeter Wohnfläche zu – mehr sind das hier wahrlich nicht, müssen wir nach einem Blick in die Zimmer feststellen. Zu zweit leben die Bewohner in diesen kleinen, mit uralt-Möbeln vollgestellten Räumen. Eine Schaumstoffmatratze kommt uns bekannt vor: So etwas haben wir auch daheim auf dem Dachboden – sie stammt noch aus DDR-Massenproduktion. In zwei Küchen bereiten sich die BewohnerInnen ihr Essen zu. Einen Speiseraum gibt es nicht.
Zweimal pro Woche können sich die Menschen über einen Katalog Nahrungsmittel bestellen, der allerdings nur in deutscher Sprache existiert. Auch müssen sie dafür mehr bezahlen, so kostet zum Beispiel der Kaffee gleich 5 Euro.
Bei Problemen oder Wünschen müssen sich die BewohnerInnen an den Hausmeister wenden, der unter anderem für die Verleihung von Spielsachen und Werkzeug, sowie für die Verteilung der Essenspakete zuständig ist. Wir entdecken einen kleinen Spielplatz, wundern uns aber, dass im Sandkasten kein Sand ist.
Es gibt noch ein Problem: Die selbst zu finanzierende Busfahrt nach Pirna zum Beispiel zur Ausländerbehörde oder zum Arzt ist ein teures Unterfangen. Denn ausgerechnet im benachbarten Struppen endet die Tarifzone 1. Ab Leupoldishain bezahlt man statt 1,80 Euro 3,50 Euro. Dies hat zur Folge, dass viele BewohnerInnen, auch Frauen mit kleinen Kindern, an der fußweglosen Straße (B172) entlang nach Struppen laufen.
Wir hatten die Idee, einen Tag mit den HeimbewohnerInnen in Leupoldishain zu gestalten, um einander näher kennen zu lernen und ihnen zu zeigen, dass uns ihr Schicksal nicht gleichgültig ist. Wir nahmen uns vor, einen Nachmittag zu organisieren, an dem wir gemeinsam etwas unternehmen können. Finanziell wurde das Fest durch den Verein AkuBiZ e.V. und die Dresdener Antira-Gruppe „impect-suspect“ unterstützt.
Bei unseren Einkäufen landeten auch ein paar Spiel- und Sportartikel in unserem Korb. Sie erschienen uns wichtig. Wir hatten mit angesehen, wie die BewohnerInnen beim Hausmeister diese Dinge ausleihen mussten. Mit Selbstbestimmung hat dies aber wenig zu tun.
Am Freitag, dem 22.06.07 trafen wir uns alle in Leupoldishain. Gemeinsam mit den BewohnerInnen richteten wir Sitzgelegenheiten her. Eine Vietnamesin stellte uns ihre Kaffeemaschine zur Verfügung. Bei orientalischer Musik aus dem CD-Player luden wir alle zu Kaffee und Kuchen ein. Nach überwundener anfänglicher Schüchternheit von beiden Seiten kamen wir ins Gespräch. Eine ältere Frau erzählte uns unter Tränen, dass ihre Familie in einer anderen großen deutschen Stadt lebe. Sie würden sie gern zu sich nehmen und für sie sorgen, doch sie bekomme keine Erlaubnis Leupoldishain zu verlassen. Wir erfahren vom Schicksal einer anderen Bewohnerin, die nach Vietnam abgeschoben wird, wobei sie ihr Kind hier beim deutschen Vater lassen soll.
Bei Einbruch der Dunkelheit verabschiedeten wir uns. Wir wissen, dass wir nicht zum letzten Mal da gewesen waren. In unseren Köpfen reifen neue Ideen und Pläne, was wir beim nächsten Besuch tun könnten. Die Begegnung mit Menschen hat uns nachhaltig bewegt und uns neue Einblicke gegeben. So gern wir es auch möchten - leider steht es außerhalb unserer Macht, einen Asylantrag positiv zu beeinflussen. Wir müssen ohnmächtig mit ansehen, wie diese Menschen abgeschoben werden können. Was wir aber tun können, sind Menschlichkeit und Solidarität beweisen.
Maria Oehm



